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Stimmbezogene physiotherapeutische Ansätze am Beispiel der Behandlung eines Sängers mit hyperfunktioneller Stimmstörung

Samstag, 15:33-15:40 Uhr

Autorin

Heike Schemmann

Referent/in

Prof. Dr. Brigitte Tampin

Hintergrund

Stimmstörungen haben erhebliche Auswirkungen auf die soziale Interaktion, die berufliche Funktionsfähigkeit und können sich negativ auf die Lebensqualität auswirken. SängerInnen gehören zu den Menschen, an deren Stimme höchste Anforderungen hinsichtlich der Qualität und Belastung gestellt werden. Daher haben SängerInnen ein erhöhtes Risiko eine Stimmstörung zu entwickeln. Neben den organischen Stimmstörungen gibt es funktionelle Stimmstörungen. Zu den Risikofaktoren einer hyperfunktionellen Stimmstörung gehören u.a. ungünstige Haltungs- und Atemmuster und stressbedingte Faktoren, die zu einem erhöhten Kraftaufwand beim Stimmgebrauch führen. Die Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie empfiehlt, die Physiotherapie (PT) in der Behandlung von Stimmstörungen mit einzubeziehen.

Zielsetzung

Anhand einer Fallstudie wird gezeigt, welchen Beitrag PT-Ansätze bei der Behandlung von muskuloskelettal bedingten hyperfunktionellen Stimmstörungen leisten können.

Material und Methodik

Basierend auf Studien und anatomischen Überlegungen wurden Assessments und Behandlungsansätze ausgewählt. Das Baseline- und Re-Assessment sowie der Behandlungsverlauf des Sängers wurden dokumentiert. Der Patient hat der wissenschaftlichen Verwendung seiner Daten und Fotos in anonymisierter Form zugestimmt.

Ergebnisse

Ein professioneller klassischer Sänger stellte sich mit einem Globusgefühl und Schwierigkeiten beim Singen v.a. von hohen Tönen und langen Phrasen in der PT-Sprechstunde vor. Eine muskuloskelettal bedingte hyperfunktionelle Stimmstörung ohne organische Veränderungen oder entzündliche Prozesse wurde fachärztlich diagnostiziert. In der PT wurden folgende Assessments angewendet: selbst eingeschätzte Beeinträchtigung durch Störung der Gesangstimme mit dem Singing Voice Handicap Index (SVHI); Inspektion der Haltung und der Atemmuster in Ruhe und beim Singen; Palpation der Muskelspannung und Inspektion von Nacken- und Larynxbewegungen.

Im PT-Befund wurden ein Upper Crossed Syndrome, ein sternales Atemmuster und eine herabgesetzte Larynx-Beweglichkeit festgestellt. Der Sänger erhielt 10 Behandlungen: spezifische Haltungs- und Atem-Schulung; Eigenübungen zur Kräftigung der schwachen Muskulatur (z.B. tiefe Nacken-Flexoren) und Dehnung der verkürzten Muskulatur (z.B. suboccipitale Muskulatur); Manuelle Therapie für den Larynx; Coaching-Strategien, die Stressmanagement und Stimmhygiene mit einbezogen.

Beim Re-Assessment zeigte sich: eine Verbesserung der subjektiv wahrgenommenen Einschränkung durch die Stimmstörung; eine verbesserte Haltung im Stand in Ruhe und beim Singen; die Fähigkeit, unterschiedliche Atemmuster zu benutzen; verminderte Muskelspannung im Nacken- und Larynxbereich. Der Sänger spürte weniger Spannungsgefühl im Halsbereich und eine erleichterte Larynx-Bewegung.

Schlussfolgerung

Diese Fallstudie zeigt einen wertvollen Beitrag der PT, v.a. der Haltungsschulung und Atemtherapie sowie der Manuellen Therapie, im Management einer hyperfunktionellen Stimmstörung bei einem professionellen Sänger. Bisher wurden nur wenige Studien zur PT bei funktionellen Stimmstörungen gemacht. Zukünftige PT-Forschungsprojekte könnten z.B. die Wirksamkeit verschiedener PT-Techniken im Management von funktionellen Stimmstörungen sowie die Beziehung zwischen Bewegung, Muskelaktivität und Stimmqualität untersuchen.

wichtigsten Literaturangaben:

Lorenz A, Kleber B, Büttner M, Fuchs M, Mürbe D, Richter B, Sandel M, Nawka T (2013). Validierung des Singing Voice Handicap Index in der deutschen Fassung. HNO. Vol. 61(8): 699-706.

Mathieson L (2011). The evidence for laryngeal manual therapies in the treatment of muscle tension dysphonia. Curr Opin Otolaryngol Head Neck Surg. Vol. 19:171–176.

Tomlinson CA, Archer KR (2015). Manual Therapy and Exercise to Improve Outcomes in Patients With Muscle Tension Dysphonia: A Case Series. Phys Ther. Vol. 95:117–128.