Posterforum

Nutzung von Assessments in der ambulanten Physiotherapie – eine Befragung unter Physiotherapie-Praxen

Samstag, 14:30-14:37 Uhr

Referent/in

Carina Binder

Hintergrund/ Zielsetzung

Standardisierte Assessments werden gegenwärtig nicht nur in der Forschung angewandt, sondern finden immer mehr Eingang in die tägliche Arbeit von Therapeutinnen und Therapeuten. Sie dienen unter anderem der Prognose, der Feststellung des Interventionsbedarfes – auch für deren Begründung vor den Kostenträgern – sowie der Evaluation von Verläufen und Ergebnissen von Interventionen. Durch den Paradigmenwechsel im Berufsstand der Physiotherapie geht die Entwicklung hin zur evidenzbasierten Therapie. Auch stimmen Therapeuten für die Akademisierung des Berufsstandes sowie für den Direktzugang von Patienten zu Therapeuten. Mit diesen Veränderungen stehen die Therapeuten vor einer großen Herausforderung. Für diese Entwicklung ist die Anamnese und Befundung durch den Therapeuten unumgänglich. Ziel der Arbeit ist es mittels einer empirischen Untersuchung herauszufinden, in wie weit bereits standardisierte Assessments speziell in ambulanten Physiotherapie-Praxen angewendet werden. Dabei wird unter anderem geprüft, inwieweit Physiotherapeuten mit Bachelor- oder Masterabschluss, die Taktzeit der Praxis sowie bestimmte Fort- und Weiterbildungen Einfluss auf den Gebrauch von Assessments haben. Diese Arbeit kann aufgrund der politischen Entwicklungen interessant für die Kostenträger, die Verbände und den Therapeuten selbst sein.

Fragestellung

Neben der Hauptfrage „Nutzung von standardisierten Assessments in der ambulanten Physiotherapie-Praxis?“, sollen folgende Forschungsfragen näher untersucht werden:

  • Verwenden Praxen, in denen Therapeuten beschäftigt sind, welche ein therapienahes Studium (z.B. Physiotherapie, Therapiewissenschaft…) absolvieren oder abgeschlossen haben – und so den Titel Bachelor oder Master erwerben möchten oder erworben haben-, Assessments häufiger, als Praxen in denen diese Therapeuten nicht beschäftigt sind?
  • Wenden Praxen häufiger standardisierte Assessments an, in denen den Mitarbeitern Studien und wissenschaftliche Artikel zu Fortbildungszwecken bereit gestellt werden, als Praxen in denen dies nicht der Fall ist?
  • Hat es einen Einfluss auf den Gebrauch von standardisierten Assessments, ob mindestens ein Mitarbeiter der Praxis eine Fortbildung zum Thema evidenzbasiertes Therapieren oder evidenzbasierte Medizin hat?
  • Hat die am häufigsten verwendete Taktzeit einer ambulanten Praxis Einfluss auf den Gebrauch standardisierter Assessments?

Methode

Zur Untersuchung der vorliegenden Fragestellung wurde ein selbstkonstruierter Online-Fragebogen eingesetzt. Dieser wurde an die Leitung der ambulanten Physiotherapie-Praxen in den Landkreisen Tuttlingen und Konstanz versendet.

Ergebnis

Von allen versendeten Fragebögen kamen 33% beantwortet zurück, dies entsprach 49 Fragebögen.

Bei Betrachtung der Häufigkeitsverteilung der Ergebnisse, zeigte sich, dass von 49 Praxen, 35 Praxen keine standardisierten Assessments anwenden.

Praxen welche am häufigsten mit einer Taktzeit von 20 Minuten arbeiten, wenden zu 7,1% standardisierte Assessments. Von den Praxen, die am häufigsten mit einer Taktzeit von 25 Minuten arbeiten, wenden 21,4% standardisierte Assessments an. Und die Praxen, welche am häufigsten mit einer Taktzeit von 30 Minuten arbeiten, wenden zu 71,4 % standardisierte Assessments an.

Diskussion

Über die Hälfte der Praxen wenden keine Assessments zur Befunderhebung an.  Mit keiner der vier Hypothesen konnte eine Aussage über die Grundgesamtheit getroffen werden. Möglich ist es, dass aufgrund der kleinen Stichprobe keine Signifikanz erreicht wurde, da die Bereitschaft der Therapeuten auf diesen online Fragebogen zu antworten bei 33 % lag. Ein Zusammenhang zwischen Praxen, deren Mitarbeiter ein Studium absolvieren oder absolviert haben und der Anwendung von standardisierten Assessments, besteht in dieser Stichprobe nicht. Ebenfalls besteht kein Zusammenhang zwischen der Anwendung von Assessments und Praxen, welche Mitarbeiter mit einer Fortbildung im Fachbereich evidenzbasierte Medizin/Therapie beschäftigen. Sowie Praxen, die den Mitarbeitern Studien und wissenschaftliche Artikel zu Fortbildungszwecken bereit stellen und der Anwendung von standardisierten Assessments. Jedoch zeigte sich in dieser Stichprobe, dass mit Zunahme der Taktzeit, die Anwendung standardisierter Assessments steigt. Es scheint eine höhere Regelbehandlungszeit notwendig, damit die Therapeuten standardisierte Assessments anwenden, jedoch sollte diese mit einer größeren Stichprobenpopulation nachgewiesen werden.

Literatur

Elsner; Thomas; Mehrholz; (2016): Messen. Warum? Wie? In: neuroreha 08(02), S57-61., DOI 10.1055/s- 0042-106144

Hengelmolen-Greb. Anke (2015) : Evidence Based Practice (EPB) in der Neurologischen Rehabilitation. Literaturrecherche und Analyse von Förderfaktoren und Barrieren. Münche: Urban& Fischer

Wirz, Markus (2014): Lehrbuch Assessments in der Rehabilitation. 1. Aufl. Bern: Huber (Programmbereich Gesundheit)

Widmer, C.; Bach, C (2010) Anwendung standardisierter Assessments für Kreuzschmerzpatienten. Einfluss auf das Clinical Reasoning von Physiotherapeuten. In: Physioscience 6 (01), S.2-12., DOI: 10.55/s-0029-1245154