Symposium Neurophysiotherapie

Neurophysiotherapie bei Körperorientierungsstörungen

Freitag, 17:30-18:00 Uhr

Referent/in

Jeannine Bergmann

Fragestellung

Was sind Körperorientierungsstörung? Wie werden sie diagnostiziert und therapiert?

Gliederungspunkte

1) Hintergrund und Ursache, 2) diagnostisch Kriterien und 3) Therapie von Körperorientierungsstörungen.

Kurzzusammenfassung

Betroffene mit Körperorientierungsstörungen haben eine verschobene Wahrnehmung ihrer Körperausrichtung im Raum, was schwerwiegende Auswirkungen auf die posturale Kontrolle haben kann. Schlaganfallpatienten mit Pushersymptomatik beispielsweise orientieren ihren Körper an einer verschobenen Vertikalenreferenz in der Frontaleben. Sie schieben den Körperschwerpunkt aktiv zur Seite ihrer Hemiparese und leisten Widerstand bei passiver Korrektur. Dies erschwert die Mobilisation und Therapie der Patienten erheblich. Die Pushersymptomatik ist ein negativer Prädiktor für den Rehabilitationsverlauf. Angaben zur Häufigkeit variieren zwischen 4 und 65%. Grund für diese Streuung sind unter anderem Unterschiede in den Patientenpopulationen und uneinheitliche diagnostische Kriterien, die zur Klassifikation der Pushersymptomatik verwendet wurden.
Die Skala für Contraversive Pushersymptomatik und die Burke Lateropulsionsskala sind die zwei am häufigsten verwendeten klinischen Skalen zur Diagnostik der Pushersymptomatik. Ein kürzlich erschienens systematisches Review empfielt die Verwendung der Burke Lateropulsionsskala. Allerdings muss eine Erhöhung des Cutoff-Wertes für die Klassifikation von Pushersymptomatik diskutiert werden.
Zur Therapie von Körperorientierungsstörungen gibt es bisher nur wenig Studien mit hohem Evidenzgrad. Häufig angewandt werden verschiedene Formen des Feedbacktrainings, wie beispielsweise das visuelle Feedbacktraining. Bisher fehlt allerdings der Nachweis für deren Wirksamkeit. Auch neuartige Therapieansätze wie tDCS, virtuelle Realität oder Robotik haben Einzug in die Therapie von Körperorientierungsstörungen gefunden. Letztere scheint sehr vielversprechend, so konnten wir in einer kürzliche veröffentlichten randomisierten, kontrollierten Studie einen positiven Lang- und Kurzzeiteffekt von roboterunterstützem Gangtraining auf die Pushersymptomatik nachweisen. Die forcierte aufrechte Körperposition, die Lokomotion, aber auch die somatosensorische Stimulation könnten Faktoren sein, die helfen, die Pushersymptomatik zu reduzieren – möglicherweise durch eine Rekalibrierung der verkippten internen Vertikalenreferenz.

Literaturangaben

Bergmann J, Krewer C, Selge Ch, Müller F, Jahn K (2016). The subjective postural vertical determined in patients with pusher behavior during standing. Top Stroke Rehabil. 23:184-90.
Koter R, Regan S, Clark C, et al. (2017). Clinical outcome measures for lateropulsion poststroke: An updated systematic review, J Neurol Phys Ther. 41:145-55.
Bergmann J, Krewer C, Jahn K, Müller F (2018). Robot-assisted gait training to reduce pusher behavior: A randomized controlled trial. Neurology. doi: 10.1212/WNL.0000000000006276.