Symposium Neurophysiotherapie

Forschung in der Physiotherapie – Evidenz in die Praxis bringen

Freitag, 13:40-14:00 Uhr

Referent/in

PD Dr. med. Anne Barzel

Ausgangssituation

Forschung und evidenzbasierte Praxis haben zum Ziel, das medizinische und therapeutische Handeln auf Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten unter Berücksichtigung der individuellen Situation des Einzelnen auszurichten. Diese Vorgehensweise erfordert eine relevante Fragestellung in einem definierten Versorgungskontext, messbare Zielgrößen, eine systematische Aufbereitung und eine kritische Beurteilung der vorliegenden Evidenz sowie der Größe der Effekte. In die Anwendung dieser Evidenz in der therapeutischen Praxis fließen die therapeutische Erfahrung ebenso ein wie die Vorstellungen der Patientinnen und Patienten.

 Fragestellung

  • Wie können wissenschaftliche Erkenntnisse ihren Weg in die Versorgungspraxis finden?
  • Was sind hierfür erforderliche Rahmenbedingungen und Voraussetzungen?
  • Wie können mögliche Transferwege aussehen?

 Methodische Vorgehensweise, Maßnahmen und Ergebnisse

Ein solides Studiendesign und eine erfolgreiche Rekrutierung sind Grundvoraussetzungen für das Gelingen eines Forschungsprojektes. Doch der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis beginnt bereits bei der Studienplanung und erfordert neben der wissenschaftlichen Aufbereitung der Erkenntnisse auch die Einbeziehung der Leistungserbringer, der Patienten als „Experten aus eigener Erfahrung“ und der Kostenträger. Am Beispiel der HOMECIMT-Studie wird aufgezeigt welche Maßnahmen getroffen wurden, um die Studie an den Rahmenbedingungen der therapeutischen Praxis im ambulanten Setting auszurichten und den Transfer in die Versorgungspraxis zu bahnen. Die Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) gehört zu den am besten untersuchten Therapiemethoden und wird von Leitlinien für Patienten mit motorischer Beeinträchtigung der oberen Extremität nach Schlaganfall empfohlen. Doch kommt die vorliegende Evidenz nicht unbedingt in der Versorgungspraxis an. In Deutschland ist die CIMT als Heilmittel bis heute nicht verordnungsfähig. Für die Anwendung der CIMT in Physiotherapie- und Ergotherapiepraxen war eine Weiterentwicklung des Therapiekonzepts erforderlich, die auch eine Anpassung an die ambulanten Rahmenbedingungen berücksichtigt. Im Sinne einer komplexen Intervention wurde zunächst in einer Pilotstudie unter Einbeziehung der Anwender die Modifikation home CIMT entwickelt und erprobt. Es folgte die Entwicklung eines Schulungskonzeptes für Ergo- und Physiotherapeuten. In einer cluster-randomisiert-kontrollierten Studie wurde in der ambulanten Therapie für Schlaganfallpatienten im chronischen Stadium untersucht, ob der Gebrauch des durch den Schlaganfall betroffenen Armes bei Alltagsaktivitäten durch home CIMT besser gefördert wird als durch konventionelle Physio- und Ergotherapie. Weiterhin wurde in qualitativen Analysen die Anwenderperspektive (Therapeuten, Patienten, Übungsbegleiter) evaluiert. Schließlich wurden in einem Experten-Workshop mit Leistungserbringern konkrete Umsetzungsmöglichkeiten von home CIMT in die ambulante Therapie erarbeitet.