MUSKULOSKELETTALE PHYSIOTHERAPIE – WAS WIRKT, WENN ES WIRKT?

Neurotension – Gestern und Heute. Wie ist der momentane Kenntnisstand, und wie setze ich ihn um?

Samstag, 11:15-11:35 Uhr

Referent/in

Prof. Dr. Brigitte Tampin

Inhalt

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden neuraler Strukturen dargestellt, doch erst durch die Pionierarbeit von Bob Elvey Ende der siebziger Jahre bekam die Thematik Einzug in die Physiotherapiewelt. Heutzutage zählen die Untersuchungsmethoden zur Standarduntersuchung eines Patienten mit muskuloskeletalen Schmerzen. In den letzten 35 Jahren haben sich allerdings viele Ansichtsweisen geändert [3], die Einfluss auf die physiotherapeutische Klinik haben.

Das Ziel dieser Präsentation ist es, den heutigen Wissensstand auf dem Gebiet „Neuralstrukturen“ darzulegen und die klinische Relevanz der neuen Erkenntnisse hervorzuheben.

Der Begriff Neurotension, aus dem Englischen abgeleitet „neurale Spannung“, war anfänglich in die Nomenklatur der Untersuchungstests integriert (Brachial Plexus Tension Test, Upper Limb Tension Test). „Positive“ Reaktionen auf diese Test wurden als abnormale neurale Spannung (adverse neural tension) interpretiert. Dieser Begriff wurde 1998 von Elvey korrigiert [2], da mit den Untersuchungen nicht die neurale Spannung, sondern die neurale Mechanosensitivität untersucht wird, sprich die Empfindlichkeit neuraler Strukturen auf einen mechanischen Reiz. Die Nomenklatur wurde demzufolge geändert zu „Neuraler Provokationstest“ oder „neurodynamischer“ Test. Leider wird heutzutage dieser Begriff noch immer nicht einheitlich angewandt, was zu Mißverständnissen in der medizinischen Welt führt.

Ein weiteres Missverständnis liegt in der Annahme, dass neurale Provokationtests ein diagnostisches Mittel zur Erfassung von Nervenschädigungen oder Neuropathien wie Karpaltunnelsyndrom oder Radikulopathien sind. Angaben in der Literatur lassen darauf schließen, dass die Tests in Isolation nur sehr limitierte diagnostische Aussagekraft haben. In der Tat, viele Patienten mit Karpaltunnelsyndrom hatten einen negativen Provokationstest [1], und umgekehrt, Patienten mit Nacken-Armschmerzen mit positivem Provokationstest hatten keine zugrundeliegende Nervenschädigung[4]. Die Ergebnisse der zuletzt genannten Studie bedeuten auch, dass Anzeichen einer erhöhten neuralen Mechanosensitivität nicht gleichzusetzen sind mit dem Vorhandensein neuropathischer Schmerzen. Neurale Provokationstests bemessen eine Funktionszunahme, sprich die Überempfindlichkeit auf einen mechanischen Reiz, aber nicht einen Funktionsverlust, welcher das Kennzeichen einer Nervenschädigung ist.

Eine verstärkte Reaktion auf einen neuralen Provokationstest deutet nicht unbedingt auf eine periphere Sensibilisierung der peripheren Nerven hin, sondern kann auch auf eine allgemeine Überempfindlichkeit hinweisen, wie bei Patienten mit Schleudertraumen oder mit Fibromyalgie festgestellt wurde.  Die Reaktionen auf neurale Provokationstests müssen somit stets im Zusammenhang mit den Ergebnissen einer umfassenden klinischen Untersuchung und gut fundiertem clinical reasoning interpretiert werden. Korrekte Einschätzung ist wichtig, da gezielte Behandlung das Behandlungsergebnis verbessern kann.

Es herrschte die verbreitete Vorstellung, dass die Wirkungsweise neuraler Behandlungsmethoden auf biomechanischen Mechanismen beruht, d.h. Wiederherstellung reduzierter Nervenbewegung. Neueste Erkenntnisse in der Neurowissenschaft deuten darauf hin, dass eher neurophysiologische Effekte im Vordergrund stehen. Weitere Forschung ist nötig, um diese Beobachtungen zu bestätigen.

Literatur

[1] Baselgia LT, Bennett DL, Silbiger RM, Schmid AB. Negative neurodynamic tests do not exclude neural dysfunction in patients with entrapment neuropathies. Arch Phys Med Rehabil 2017;98:480–486.

[2] Elvey RL. “Adverse neural tension” reconsidered. Australian Journal of Physiotherapy 1998;3:13-18.

[3] Schmid AB, Hailey L, Tampin B. Entrapment Neuropathies: Challenging common beliefs with novel evidence. J Orthop Sports Phys Ther 2018;48:58-62.

[4] Tampin B, Slater H, Hall T, Lee G, Briffa NK. Quantitative sensory testing somatosensory profiles in patients with cervical radiculopathy are distinct from those in patients with nonspecific neck-arm pain. Pain 2012;153:2403-2414.